Diglusives Wohnen

Diglusives Wohnen

Zeitgemäße Wohnhilfen sind diglusiv, d.h. sie nutzen digitale Informations- und Kom­munikationstechnologien zur Inklusionsförderung und setzen sich im Interesse ihrer Kli­ent*innen ein für eine inklusionsfördernde Gestaltung von Digitalisierungspro­zessen. Dazu unterstützen sie ihre Klient*innen in der Stärkung ihrer Kompetenzen zur Nutz­barmachung und Anwendung der sog. Neuen Medien (zB. Internet, Social Media, Ta­blet-PC, Online-Dienste), insbesondere bezogen auf die Fähigkeit, sich eine stets refle­xive und kritische Grundhaltung im Medienumgang zu bewahren und die Not­wendigkeit eines lebenslangen Erwerbs immer neuer Kenntnisse und Fertigkeiten anzuerkennen und zu vertreten (Spanhel 2002: 4).

Die kompetente Nutzung Neuer Medien bedeutet, wie Studien belegen, „für alle Behind­ertengruppen ein[en] erhebliche[n] Zugewinn an selbständiger Lebensführung“ (Aktion Mensch 2010: 149).

Die „gesellschaftlichen Umstände“ (Nahnsen 1975: 148) bzw. die „Gesamtheit der äu­ßeren Bedingungen“ (Engels 2008: 643) bestimmen, inwieweit Menschen ihre „Grund­anliegen“ (Weisser 1978: 275) erfüllen bzw. ihre „wichtigsten Interessen“ (Nahnsen 1975: 148) entfalten und befriedigen können. Die „konkrete Ausformung“ (Engels 2008: 643) der sozio-ökonomischen, -kulturellen und -biologischen Lebensgrundlage (ebd.) ist mit „subjektiven Möglichkeitsräumen“ (Riegel 2014: 190) und „gerahmten Befähi­gungschancen“ (Faas et al. 2014: 15) verbunden.

Neben den klassischen Medien (zB. Buch, Fernsehen) prägen zunehmend und über alle Lebensphasen hinweg Neue Medien den Lebensalltag aller bundesdeutschen Be­völkerungsgruppen. Das ist verständlich. Die Vielfalt der Informations- und Kommunik­ations-Technologie (IKT) in Ausgestal­tung und Funktionalität bietet zahl­reiche zusätzli­che Gelegenheiten zur Befriedigung der als essentiell geltenden menschlichen Bedürf­nisse nach „Kompetenzerleben, Auto­nomieerleben und sozialer Eingebun­den­heit“ (Wild/Walper 2015: 235). Mit zunehmen­der Verbreitung und Nutzung wächst ihre Be­deutung als Sozialisationsinstanz. Denn über ihre individuelle Alltags­erfah­rungen und die ständige Auseinandersetzung mit ihren Lebensumständen gelangen Menschen zu einem auf „Hypothesen über die Welt“ (Bortz/Döring 2006, 187) beruhenden Welt- und Selbstbild.

Steigende Bevölkerungsanteile der sog. ‚Onliner‘1 treiben den sozialen Wandel der bundesdeutschen Gesellschaft zu einer zunehmenden Mediatisierung und Digitalisie­rung von Informations- und Teilhabeprozessen weiter voran. Während bspw. Online-Communities (zB. Facebook, Stellen-/Partnerbörsen), eCommerce2 und eHealth3 mit teils zweistelligen Zuwachsraten weiter an Bedeutung gewinnen, nehmen vorgehaltene stationäre Angebote ab. Verwaisende Fußgängerzonen, Personalabbau und Filial­schließungen seien hier nur beispielhaft genannt. Die sog. ‚Offliner‘ haben das Nachse­hen und sind zudem benachteiligt, wenn – wie in der Tendenz zunehmend – angebo­ten­e oder geforderte Leistungen gar ausschließlich unter Rückgriff auf Neue Medien bzw. di­gitale IKT zu beziehen und/oder zu erbringen sind (zB. ELSTER, Zollan­mel­dung).

Dies verdeutlich eindringlich, dass Fragestellungen in Zusammenhang mit Medienkom­petenz als eine „Schlüsselkompetenz“ (BMFSFJ 2013: 122; Rein 1996) und bildungs­politischen Konzeptionen von hoher Aktualität und gesamtgesellschaftlicher Relevanz sind. Die daraus erwachsenen Anforderungen an Erziehung, Betreuung und Bildung, Menschen zu einem selbstbestimmten, kritischen, kreativen und verantwortungsbe­wussten Umgang mit Medien zu befähigen (LfM 2017: I 1), stehen berechtigterweise im Fokus (medien-) pädagogischer Diskurse4.

Als ‚digitale Kluft‘ oder ‚digitale Spaltung‘ wird oft das Ausmaß der entgangenen Vortei­le5 und verpasster Chancen in puncto (Weiter-) Bildung, Beteiligung und Vernetzung6 für Menschen ohne oder mit erschwertem Zugang zur digitalen Welt bezeichnet. So­fern Menschen sich nicht explizit für ein Leben ohne Bezug zur digitalen Welt entschie­den haben, liegen die Gründe für ihre teilweise oder vollständige Exklusion entweder in strukturellen Gegebenheiten oder in förderungsbedürftiger „Medien- und Technologie­kompetenz“ (BMWI/ BMI/BMVI 2014: 3), die jeweils als „Voraussetzung für gleichwerti­ge Lebensverhältniss­e“ (ebd.) gelten.

Mit den Maßnahmen der ‚Digitalen Agenda 2014-2017‘ strebt die Bundesregierung die Schaffung der nötigen Voraussetzungen an, strukturell durch „flächendeckend[e]“ (ebd.) Verfügbarkeit und teilhabebezogen „von allen gesellschaftlichen Gruppen ange­nommen und aktiv mitgestaltet“ (aaO.: 2). Ziel ist die konsequente „Digitalisierung von Leben, Lernen, Arbeiten und Wirtschaften“ (aaO.: 4). Niemand, auch ressourcenbe­nachteiligte Personengruppen oder Menschen mit niedriger formaler Bildung nicht, soll digital exkludiert sein. „[B]estehenden Defizite[n]“ (aaO.: 3) in Zusammenhang mit der Aus- und Weiterbildung ist entgegen zu wirken.

Hier setzt auch der gesetzliche Auftrag der Landesmedienanstalten bzw. -zentren an, Mediennutzende, unabhängig vom Lebensalter, „mit oder ohne Behinderungen“ (aaO.: 23), zu befähigen, sich „selbstbestimmt“ (ebd.), „gleichberechtigt und barrierearm“ (Brautmeier 2012: 9) im digitalen Alltag der „Informationsgesellschaft“ (ebd.) zu bewe­gen.

Als Wegbereitende der digitalen Inklusion bzw. inklusiven Digitalisierung – fortan mit dem Kofferwort Diglusion bezeichnet – verstehen sich ebenso von Bundesministerien geförderte nationale Programme, Projekte7 und Wettbewerbe (zB. Smart Hero Award), die sich in ihrer Inklusivität idR. digitaler Medien bedienen.

Zur Überforderungsprophylaxe in Betreuungs- und (Weiter-) Bildungskontexten sind Lernprozesse zu initiieren und/oder zu begleiten, die die individuelle Wahrnehmung, Denkmuster, Werthaltungen und „situative Handlungsfähigkeit“ (Böhnisch 2012: 223) angemessen berücksichtigen.

Fußnoten

1 gegenüber den Menschen, die das Internet nicht nutzen, sog. ‚Offliner‘

2 Geschäftliche Transaktionen unter Verwendung digitaler Informations- und Kommunikationstechno­logien (IKT)

3 Medizinische Prävention, Diagnose, Behandlung, Überwachung und Verwaltung im Gesundheitswesen mittels digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien

4siehe Beispiele für die Allgegenwärtigkeit des Digitalen Wandels mit hoher Relevanz für die Sozialwirtschaft im Anhang

5zB. ortsunabhängiger und zeitlich uneingeschränkter Zugriff auf das Online-Angebot, Preisnachlässe, 14-tägiges Rückgaberecht auf Waren, kostenfreie Lieferung.

6zB. eLearning, Online-Petitionen, Online-Communities, Stellen-/ Partnerbörsen.

7zB. Digitalkompass‚ Internet für alle, Online4EDU

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